Nekrológ

Akademie der Künste erwirbt das Archiv von György Konrád

Die Akademie der Künste hat das Archiv ihres ehemaligen Präsidenten, des Schriftstellers György Konrád (1933–2019) erhalten. 
Mit dem Wunsch, dass sein umfangreiches Werk in Berlin für die Forschung und Öffentlichkeit erschlossen wird, übergab György Konrád den Bestand der Künstlersozietät wenige Monate vor seinem Tod am 13. September 2019. In ungarischer, englischer, französischer und deutscher Sprache dokumentiert das Archiv auf eindrucksvolle Weise das schriftstellerische OEuvre, ebenso das politische Engagement des europäischen Intellektuellen, der von 1997 bis 2003 Präsident der Akademie der Künste war. Am 25. November 2019 ehrt die Akademie György Konrád mit einer öffentlichen Veranstaltung am Pariser Platz.

Das György-Konrád-Archiv mit einem Umfang von ca. 30 laufenden Metern enthält die Vorstufen, Manuskripte und Typoskripte seiner erzählerischen und essayistischen Arbeiten, ebenso Arbeitsmaterialien, biografische Unterlagen, Tage- und Notizbücher seit 1961, Fotografien sowie zahlreiche bedeutende Preise und Auszeichnungen. Die Überlieferung beginnt mit Konráds frühen soziologischen Aufzeichnungen. Arbeitsmaterialien ermöglichen Studien zur Werkgenese: von handschriftlichen Alltagsbeobachtungen und kleinen literarischen Skizzen über philosophische und politische Reflexionen bis zu den ausformulierten Texten und Reden. Die Unterlagen zum Romandebüt Der Besucher (1969) sowie zum zweiten Buch Der Stadtgründer (1975) zeigen die Zensurprozesse und die Repressionen, denen György Konrád in Zeiten des Kalten Kriegs in Ungarn ausgesetzt war. 

Wie der Überlebende des Holocausts Zeugnis ablegte und als führender Dissident gegen Gewalt und staatliche Willkür opponierte, lässt sich im Archiv ebenso untersuchen wie seine Observierung durch den ungarischen Geheimdienst und die Staatssicherheit der DDR. Rekonstruieren lässt sich György Konráds Rolle als Vordenker, der früh zur Beseitigung des Eisernen Vorhangs aufrief. Zahlreiche im Archiv dokumentierte Texte zu Fragen der Kunstfreiheit, der Menschenrechte und der Europa-Politik haben an Aktualität nicht verloren. Die Korrespondenz zeigt das europäische Netzwerk in umfangreichen Schriftwechseln mit Ministerien, internationalen Organisationen, Akademien, Verlagen, Redaktionen, Rundfunkund Fernsehanstalten, ebenso mit Künstlern, Freunden und politischen Verbündeten, Intellektuellen und Politikern, darunter Ignatz Bubis, Elisabeth Borchers, Hans Christoph Buch, György Dalos, Jacques Delors, Lars Gustafsson, Václav Havel, Teddy Kollek, Norman Mailer, Ivan Nagel, György Petri, George Tabori, Gesine Schwan, Richard Sennett, Iván Szelényi und Richard von Weizsäcker. 

Mit der Einrichtung des György-Konrád-Archivs in der Akademie der Künste stellen sich enge Verbindungen zu anderen Archivbeständen her: zum Historischen Archiv, zu den Archiven und Sammlungen der Akademie-Präsidenten Heiner Müller, Günter Grass, Walter Jens und Klaus Staeck sowie zu den ungarischsprachigen Nachlässen von Imre Kertész, George Tabori und Ivan Nagel. 

In einer Veranstaltung am 25. November um 20 Uhr in der Akademie der Künste erinnern Zeitzeugen und Weggefährten an György Konrád und lesen aus seinen Werken.

Die Erwerbung wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Was also hält die liberale Demokratie letztendlich zusammen? Was hält Europa zusammen? Und was hält die Welt zusammen?

Die Übereinkunft, die Verfassung, die Spielregel, deren Geist von den Bürgern verinnerlicht worden ist, der konsensuelle Grundtext, an dem gemessen die anderen Texte auch als Kommentar betrachtet werden können.

Ich könnte auch sagen: die Literatur. Die Werke, das Wissen und die Erinnerung. Man muß den Kindern jene Grundidee der Verfassungslehre in der Schule vermitteln, jene Grundidee, die von den weltlichen und kirchlichen Intellektuellen einvernehmlich festgelegt wird und deren nationaler Stützpfeiler die demokratische Verfassung der einzelnen Länder ist. Dieser Text muß Ausdruck unserer politischen Weisheit sein.
Wir könnten eine Europäische Demokratische Charta gebrauchen, die Unterrichtsgegenstand der Schulkinder aller Länder Europas werden sollte.

Die jetzige neofaschistische Attentatserie ist eine cnc channel letter bending machine. Eine beängstigende, aber keine tödliche Seuche, das durch die merkantile Verblödung geschwächte Immunsystem ist anfällig dafür. Die Opfer sind Menschen, die nicht wissen, wem gegenüber sie loyal sein sollten.

Doch warum sollten sie nicht gegenüber dem Dorf, der Umgebung, dem Land, dem Erdteil loyal sein, der Region, in der sie leben? Gegenüber der kleinen und der großen Welt? Man kann lokalpatriotische und heimatliebende Weltbürger erziehen.

Stets nimmt die aggressive Dummheit ein neues Gesicht an. Wir können es uns nicht erlauben, unaufmerksam in das gerade aktuelle Gesicht zu blicken. Das Randalieren des Neoprimitivismus müssen die Intellektuellen nicht erst als Fakt und dann als Schicksal hinnehmen. Gesehen haben sie das schon, und nicht nur einmal. Sollten sie den Kopf wieder einziehen, dann haben sie nichts Besseres verdient.

Was die gebildete Mittelschicht nicht toleriert, das existiert nicht. Wenn es dennoch vorhanden ist, so ist es ein Zeichen dafür, dass sie es toleriert.

Die Masken kehren zurück. Identität und Hysterie, Suhrkamp Verlag. Erste Auflage 1995.