Kalligaro schlendert in seinem Lebenslauf hin und her, 1933 ist er geboren und von der Klinik in Debrecen ins neue Haus seines Vaters gebracht worden. 1943 war alles noch leidlich zu ertragen, seine Klassenkameraden lebten noch, im Jahr darauf hatten Gas und Feuer sie schon verschlungen, Kalligaro war davongekommen. 1953 wurde er von der Universität verwiesen und zog zu einer Kommilitonin. 1963 heiratete er zum zweiten Mal, arbeitete beim Kinder- und Jugendschutz und lektorierte ungarische Übersetzungen russischer und französischer Klassiker. 1973 wurde er wegen Schererein mit Polizei als Stadtsoziologe entlassen, die Veröffentlichung seines zweiten Romans scheiterte an der Zensur. 1983 saß er deutsche und amerikanische Stipendiat als Romancier und Essayist in Berlin und New York an der Schreibmaschine, dann kehrte er nach Ungarn ins totale Verbotensein zurück. 1993 war er ein internationaler Präsident und heimischer Vordenker, seine Bücher erschienen, er beobachtete seine kleinen Söhne, wenn sie sich in den höchsten Baumwipfeln versteckten. Bis zum Sommer 2003 war er Präsident der Berliner Akademie der Künste, dann gab er das Amt ab und ließ sich beurlauben, um nach Budapest zu gehen oder in sein Landhaus am Fuß des Sankt-Georg-Bergs, eines erloschen Vulkans, wo ihm das Schreiben besser gelingt als anderswo. Dreimal hat er geheiratet, fünf Kinder und vorläufig drei Enkel nennt er sein eigen. Mit über siebzig gibt der Mensch gern etwas weiter, zur Drehtür geht er hinein und kommt wieder heraus, drinnen bleibt er nicht lange, ein Komplize des Kreisverkehrs ist er geworden. Er mag ihn. Reisen und Rückkehr, Aufschwung und Niedergang. Herbstliches Welken gefällt Kalligaro nicht nur in der Hoffnung auf Frühlingssprießen. In seinem Alter spielt man den Ball gern einem schnelleren Stürmer zu, gibt dem anderen eine Chance und setzt ihm einen Teller vor. Kalligaro verneigt sich vor dem zufälligen heutigen Tag, er ist sein Besitz, der schwindende Schatten seines Hierseins. Er versucht, sich aus der Dämmerung des Unbewussten und lückenhafter Erinnerung herauszulösen. Mit alten Freunden lässt sich der Gesprächsfaden nach fünfzigjähriger Pause leicht und natürlich wieder aufnehmen, doch die Begegnung von einst bleiben zurück in der verschwindenden und ewig existierenden Zeit, und wenn sie ihre hand ausstreckt, ist dies bereits ein anderes Ereignis. Aus zerfallenden Bildern kehren Zusammenhänge nicht wieder.

Das Buch Kalligaro. Suhrkamp Verlag. Erste Auflage 2007.