Autonomie des Geistes - ein Abend für György Konrád

Archivpräsentation
Montag,25. November, 20 Uhr
Pariser Platz 4
Plenarsaal

Programmablauf: cartier replica watches

  1. Filmausschnitt Konrád (Interview im Deutschlandfunk), (5 Min.)
  2. Begrüßung Jeanine Meerapfel (5 Min.)
  3. Grußwort Monika Grütters (10 Min.)
  4. Musik: GyörgyLigeti, MusicaRicercata, MatanPorat (7 Min.)
  5. Lesung aus Konráds Werken, Peter Simonischek (30 Min.)
  6. Gespräch von Zeitzeugen und Wegbegleitern: N.N., Matthias Flügge, Karl Schlögel, Moderation: Hans Gerhard Hannesen (30 Min.)
  7. Filmausschnitt Konrád (Interview im Deutschlandfunk (5 Min.)
  8. Musik: GyörgyLigeti, MusicaRicercata, MatanPorat (7 Min.)

100 Min. insgesamt

Textzusammenstellung: Petra Uhlmann (Rechteklärung über Suhrkamp Verlag)

2 Vitrinen (Katalin Madácsi-Laube)

Anschließend Empfang im Clubraum

Einladung Ein Abend für György Konrad (PDF)


Nekrológ

Akademie der Künste erwirbt das Archiv von György Konrád

Die Akademie der Künste hat das Archiv ihres ehemaligen Präsidenten, des Schriftstellers György Konrád (1933–2019) erhalten. 
Mit dem Wunsch, dass sein umfangreiches Werk in Berlin für die Forschung und Öffentlichkeit erschlossen wird, übergab György Konrád den Bestand der Künstlersozietät wenige Monate vor seinem Tod am 13. September 2019. In ungarischer, englischer, französischer und deutscher Sprache dokumentiert das Archiv auf eindrucksvolle Weise das schriftstellerische OEuvre, ebenso das politische Engagement des europäischen Intellektuellen, der von 1997 bis 2003 Präsident der Akademie der Künste war. Am 25. November 2019 ehrt die Akademie György Konrád mit einer öffentlichen Veranstaltung am Pariser Platz.

Das György-Konrád-Archiv mit einem Umfang von ca. 30 laufenden Metern enthält die Vorstufen, Manuskripte und Typoskripte seiner erzählerischen und essayistischen Arbeiten, ebenso Arbeitsmaterialien, biografische Unterlagen, Tage- und Notizbücher seit 1961, Fotografien sowie zahlreiche bedeutende Preise und Auszeichnungen. Die Überlieferung beginnt mit Konráds frühen soziologischen Aufzeichnungen. Arbeitsmaterialien ermöglichen Studien zur Werkgenese: von handschriftlichen Alltagsbeobachtungen und kleinen literarischen Skizzen über philosophische und politische Reflexionen bis zu den ausformulierten Texten und Reden. Die Unterlagen zum Romandebüt Der Besucher (1969) sowie zum zweiten Buch Der Stadtgründer (1975) zeigen die Zensurprozesse und die Repressionen, denen György Konrád in Zeiten des Kalten Kriegs in Ungarn ausgesetzt war. 

Wie der Überlebende des Holocausts Zeugnis ablegte und als führender Dissident gegen Gewalt und staatliche Willkür opponierte, lässt sich im Archiv ebenso untersuchen wie seine Observierung durch den ungarischen Geheimdienst und die Staatssicherheit der DDR. Rekonstruieren lässt sich György Konráds Rolle als Vordenker, der früh zur Beseitigung des Eisernen Vorhangs aufrief. Zahlreiche im Archiv dokumentierte Texte zu Fragen der Kunstfreiheit, der Menschenrechte und der Europa-Politik haben an Aktualität nicht verloren. Die Korrespondenz zeigt das europäische Netzwerk in umfangreichen Schriftwechseln mit Ministerien, internationalen Organisationen, Akademien, Verlagen, Redaktionen, Rundfunkund Fernsehanstalten, ebenso mit Künstlern, Freunden und politischen Verbündeten, Intellektuellen und Politikern, darunter Ignatz Bubis, Elisabeth Borchers, Hans Christoph Buch, György Dalos, Jacques Delors, Lars Gustafsson, Václav Havel, Teddy Kollek, Norman Mailer, Ivan Nagel, György Petri, George Tabori, Gesine Schwan, Richard Sennett, Iván Szelényi und Richard von Weizsäcker. 

Mit der Einrichtung des György-Konrád-Archivs in der Akademie der Künste stellen sich enge Verbindungen zu anderen Archivbeständen her: zum Historischen Archiv, zu den Archiven und Sammlungen der Akademie-Präsidenten Heiner Müller, Günter Grass, Walter Jens und Klaus Staeck sowie zu den ungarischsprachigen Nachlässen von Imre Kertész, George Tabori und Ivan Nagel. 

In einer Veranstaltung am 25. November um 20 Uhr in der Akademie der Künste erinnern Zeitzeugen und Weggefährten an György Konrád und lesen aus seinen Werken.

Die Erwerbung wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Kalligaro schlendert in seinem Lebenslauf hin und her, 1933 ist er geboren und von der Klinik in Debrecen ins neue Haus seines Vaters gebracht worden. 1943 war alles noch leidlich zu ertragen, seine Klassenkameraden lebten noch, im Jahr darauf hatten Gas und Feuer sie schon verschlungen, Kalligaro war davongekommen. 1953 wurde er von der Universität verwiesen und zog zu einer Kommilitonin. 1963 heiratete er zum zweiten Mal, arbeitete beim Kinder- und Jugendschutz und lektorierte ungarische Übersetzungen russischer und französischer Klassiker. 1973 wurde er wegen Schererein mit Polizei als Stadtsoziologe entlassen, die Veröffentlichung seines zweiten Romans scheiterte an der Zensur. 1983 saß er deutsche und amerikanische Stipendiat als Romancier und Essayist in Berlin und New York an der Schreibmaschine, dann kehrte er nach Ungarn ins totale Verbotensein zurück. 1993 war er ein internationaler Präsident und heimischer Vordenker, seine Bücher erschienen, er beobachtete seine kleinen Söhne, wenn sie sich in den höchsten Baumwipfeln versteckten. Bis zum Sommer 2003 war er Präsident der Berliner Akademie der Künste, dann gab er das Amt ab und ließ sich beurlauben, um nach Budapest zu gehen oder in sein Landhaus am Fuß des Sankt-Georg-Bergs, eines erloschen Vulkans, wo ihm das Schreiben besser gelingt als anderswo. Dreimal hat er geheiratet, fünf Kinder und vorläufig drei Enkel nennt er sein eigen. Mit über siebzig gibt der Mensch gern etwas weiter, zur Drehtür geht er hinein und kommt wieder heraus, drinnen bleibt er nicht lange, ein Komplize des Kreisverkehrs ist er geworden. Er mag ihn. Reisen und Rückkehr, Aufschwung und Niedergang. Herbstliches Welken gefällt Kalligaro nicht nur in der Hoffnung auf Frühlingssprießen. In seinem Alter spielt man den Ball gern einem schnelleren Stürmer zu, gibt dem anderen eine Chance und setzt ihm einen Teller vor. Kalligaro verneigt sich vor dem zufälligen heutigen Tag, er ist sein Besitz, der schwindende Schatten seines Hierseins. Er versucht, sich aus der Dämmerung des Unbewussten und lückenhafter Erinnerung herauszulösen. Mit alten Freunden lässt sich der Gesprächsfaden nach fünfzigjähriger Pause leicht und natürlich wieder aufnehmen, doch die Begegnung von einst bleiben zurück in der verschwindenden und ewig existierenden Zeit, und wenn sie ihre hand ausstreckt, ist dies bereits ein anderes Ereignis. Aus zerfallenden Bildern kehren Zusammenhänge nicht wieder.
Das Buch Kalligaro. Suhrkamp Verlag. Erste Auflage 2007.