Abend mit Goldrand (Wolfram Schütte, Titel Magazin, 2005)


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Sonnenfinsternis auf dem Berg - Suhrkamp, 2005

György Konrád: Sonnenfinsternis auf dem Berg

Biographien / Fiction
geschrieben von Wolfram Schütte am 18.07.2005, 09:32 Uhr

Abend mit Goldrand

„Sonnenfinsternis auf dem Berg“: György Konráds „autobiografischer Roman“

Von Wolfram Schütte

Von jeher hat mir an den Büchern des ungarischen Schriftstellers György Konrád die „unreine Mischung“ (Ernst Bloch) von Erzählung, Fiktion, Autobiografie und Reflexion gefallen. Er konnte sowohl zu großen Atemzügen des erzählerischen Periodenbaus ausholen, als auch dann wieder den geistigen Stoff aphoristisch verknappen. „Form“ war diesem Flaneur phänomenologischer Weltbetrachtung immer eine Anstrengung, um das Schweifende, Vagabundierende seiner Schreib- & Denkweise einzugrenzen und seine Erlebnisse und Überlegungen „auf die Reihe zu bringen“, was ihm aber nie so ganz gelang, weil es sich bei seinem genuin literarischen Verfahren (das manchmal an den großen österreichischen Feuilletonismus Kürnbergers und Spaziers erinnert) doch immer primär um die philosophische Verarbeitung seiner Lebens-Erfahrungen handelte.

Seine Romane & Essays entsprachen deshalb immer seinen vorausgegangenen Lebenssituationen. Konrád ist Autoren wie Max Frisch oder Martin Walser mit dieser selbstreflexiven Schreibweise einer sich immer erneut konstituierender und befragender Identität dabei sehr nahe. Je älter György Konrád aber wurde – auch als Schriftsteller –, desto weniger hat er sich dem konstruktivischen Zwang gebeugt und seiner erzählerisch-reflexiven „Verwilderung“ nachgegeben; und erst recht, als er daran ging, „tief in den Brunnen der Vergangenheit“ (Th. Mann) hinabzusteigen und autobiografisch Herkunft, Kindheit, Jugend zuerst in dem 2003 erschienenen kleinen Roman „Glück“ und jetzt in dem umfänglicheren „autobiografischen Roman“ mit dem Titel „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ vor sich und seinen Lesern bis zur Jahrtausendwende auszubreiten. TAG Heuer Formula 1 réplique montres

„Roman“ wird von Konrád nicht im Sinne von Fiktion & Erfindung, sondern eher im Kunderaschen Sinne als Sammelbegriff eines Schreibens betrachtet, das alle literarischen Äußerungsformen umfasst und dabei auf die doch bloß selbsttäuscherische Fiktion verzichtet, man könne Erinnerung von Imagination und nachträglicher Einfärbung frei halten, wie das Martin Walser in seinem autobiografischen Roman „Ein springender Brunnen“ meinte. Es gibt keine erinnernde Rückkehr zum einstmals Gewesenen, die nicht geprägt wäre vom Weg, der zu ihr beschritten wurde. Das weiß Konrád, und der sich dagegen sträubende Walser hat es contre coeur & ex negativo ebenso gehalten.

Lebenslange Lektüre von Büchern & Frauen

Schriftsteller wollte der Sohn eines wohlhabenden jüdischen Eisenwarenhändlers in der ungarischen Provinz immer werden. Schon als Junge hat er im familiären Idyll einer weitverzweigten Großfamilie viel gelesen. Die andere, weitreichende Lieblingsbeschäftigung des jungen György bestand darin, wie er von den Sommerferien mit einer gleichaltrigen Verwandten erinnert, „frühmorgens zu ihr ins Bett kriechen und mit ihr flüstern, sie gleichmäßig beschnuppern und einatmen“, wobei man an Da Ponte/Mozarts „Don Giovanni“ denken muß, der ja auch die Frauen schon erschnupperte, bevor er sie sah. Wie sehr sein ganzes späteres Leben in diesem sinnlichen Doppel-Glück des „Lektüre“- Genusses von Büchern & Frauen beschlossen war, formuliert Konrád in einem einzigartigen Sprachbild: „Mein Ungarischlehrer, der meine Lektüre billigte, lud mich zu sich in seine Wohnung ein und bot mir seine Bücher zum Ausleihen an. Als er den mit